Brauerei-Aus: Eine Niederlage für Schwelm

Freitag, Juli 29th, 2011 | Allgemeines

Die Schließung der Schwelmer Brauerei ist in den vergangenen knapp zwei Jahren immer wieder – unter anderem auch hier – verkündet worden. Jetzt ist es endgültig vorbei mit Bier aus Schwelm. Dazu ein Kommentar von unserem Online-Marketer Michael Zander, gebürtiger Schwelmer und langjähriges Ratsmitglied in Schwelm:

“Eine Niederlage für Jochen Stobbe” betitelt die Rundschau heute den Kommentar zur Einstellung des Betriebs der Schwelmer Brauerei. Diese Fokussierung auf die Person des Bürgermeisters mag bei der spontanen Betrachtung der letzten Wochen vertretbar sein, wird der Tragweite der Entwicklungen der letzten zwei Jahre aber nicht gerecht. Bei näherer Betrachtung der letzten Wochen muss man die Sache aber anders beurteilen.

Stobbes Aktivitäten und die Einberufung des runden Tisches mit Schwelmer Unternehmern waren eine Reaktion auf die Ankündigung der Schließung der Brauerei Ende September durch den Insolvenzverwalter. Als dann sogar eine Übergangslösung bis Ende des Jahres verkündet wurde, die Luft schaffen sollte für eine endgültige Rettung, schien Stobbe nach dem Bahnhof der zweite große Coup gelungen zu sein. Dass dies aber nicht klappen konnte, hätte allen Beteiligten klar sein müssen – Großkunden und Gastronomen können mit einem Eiertanz von Monat zu Monat einfach nicht planen …

Bleiben wir vorerst beim Bürgermeister. Dieser muss sich die Frage gefallen lassen, warum seine Initiative zum runden Tisch erst ansetzt, nachdem der Insolvenzverwalter mit seiner Ankündigung der endgültigen Schließung eine Rettung unmöglich gemacht hatte. Ich möchte nicht unterstellen, der Bürgermeister sei bis dahin nicht aktiv gewesen. Dass er sich allerdings so weit aus dem Fenster lehnt, als es schon zu spät ist, ist nicht nachvollziehbar. Ein runder Tisch mit Schwelmer Unternehmern wäre vor knapp zwei Jahren sicher erfolgversprechender gewesen.

Die Beobachtung der Entwicklungen in den Medien lässt bei mir den Eindruck entstehen, alle Beteiligten haben das Problem nicht wirklich ernst genommen. Hat man geglaubt, dass es eh eine Rettung gibt? Oder war man sich sicher, dass diese gar nicht möglich war?

Für mich steht die Brauerei in der Bedeutung für Schwelm neben Heimatfest und Schloss Martfeld. Und da drängt sich die Frage auf, ob Verwaltung, Politik, Organisationen, Nachbarschaften, Vereine und engagierte Bürger wirklich alles unternommen haben, um ein wichtiges Aushängeschild der Stadt zu retten. Dazu werfe ich mal ein paar Fragen in den Raum, auf die ich mir in den Kommentaren Antworten wünsche:

  • Was haben Werbegemeinschaft und Gesellschaft für Stadtmarketing konkret unternommen, um die Schwelmer Brauerei zu retten? Spontan fallen mir dazu die Diskussionen und Aktivitäten rund um die Erneuerung der Weihnachtsbeleuchtung ein. Dieser organisatorische und personelle Einsatz für die Brauerei hätte sicher Zeichen setzen und Synergie-Effekte auslösen können.
  • Wo ist eigentlich der Fan-Club der Brauerei?
  • Welche Rolle haben die Schwelmer Nachbarschaften gespielt? Auf der Webseite des Dachverbands zumindest ist nichts zum Thema Brauerei zu finden …
  • Welche Möglichkeiten der Unterstützung bei der Rettung haben Verwaltung und Politik in Erwägung gezogen und ernsthaft überprüft?
  • Warum hat niemand die immer wieder als Problem zitierten “Rechte an Marke und Immobilie” benannt und öffentlich gemacht?
  • Welche alternativen Betreibermodelle – zum Beispiel Genossenschaft – wurden ernsthaft und von wem in Erwägung gezogen?
  • Aus welchen Gründen sind ernsthafte Interessenten ausgestiegen? Haben alle Beteiligten alle erdenkliche Unterstützung angeboten oder wurde gar behindert?
  • Wie lief die Kommunikation aller Beteiligten mit dem Insolvenzverwalter? Einige Verlautbarungen in der Presse lassen da enorme Defizite vermuten. Hat es eine zentrale Koordinationsstelle gegeben, zum Beispiel bei der Stadt oder der GSWS?
  • Was haben Großabnehmer und Gastronomen unternommen, um die Brauerei zu retten?
  • Und welche Rolle haben die Schwelmer Vereine gespielt?

Wenn man ein wenig nachdenkt, fallen einem sicher noch weitere Fragen ein. Diese können gerne in den Kommentaren gestellt und beantwortet werden.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, als hätten alle Schwelmer eine große Chance verpasst, auch ich, obwohl ich nicht mehr dort wohne. Aber nach der Brauerei ist vor der Brauerei. Jetzt wird es darum gehen, was mit dem Gelände und den Gebäuden passiert. Vielleicht sind wir da alle ein wenig wachsamer und aktiver …

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7 Kommentare to Brauerei-Aus: Eine Niederlage für Schwelm

Helga
29. Juli 2011

noch eine Frage:
Was hat Herr L. aus S. getan, um die Brauerei (ein zweites Mal) zu retten oder eben nicht zu retten?

Klaus Heuer
29. Juli 2011

•Aus welchen Gründen sind ernsthafte Interessenten ausgestiegen? Haben alle Beteiligten alle erdenkliche Unterstützung angeboten oder wurde gar behindert?

Diese Frage haben sich bestimmt schon viele Freunde des Schwelmer Bieres gestellt.
Schlechtes denkt, wer vermutet, dass die Nutzung des Brauereigeländes eventuell für andere Zwecke Verwendung finden soll und ein ernsthaftes Interesse an einer Weiterführung des Brauereibetriebes gar nicht gewollt ist?

180 Jahre Brautradition werden mit dem heutigen Tage Geschichte. Hätten die Verantwortlichen rechtzeitig die Weichen richtig gestellt, könnten die Schwelmer und alle auswärtigen Freunde des Schwelmer Bieres auch noch das 200-jährige Brauerei-Jubiläum feiern. Schade um die Arbeitsplätze und die motivierten Mitarbeiter!

Mitarbeiter
29. Juli 2011

Hallo, ich bin Mitarbeiter der Brauerei Schwelm und habe Heute meine Kündigung erhalten. Da ich schon seit mehreren Jahrzenten in diesen Unternehmen tätig bin, war ich sehr überrascht, das ich ab Montag freigestellt bin. Ich habe mit mehreren Kollegen telefoniert, wer alles noch dieses Schicksal mit mir teilt.Es hat sich herausgestellt, das es sich hauptsächlich um langjährige Mitarbeiter handelt. Also drängt sich mir der Verdacht auf, das alle Mitarbeiter die über 10 Jahre im Unternehmen sind unbeqem oder zu teuer sind. Ich finde es gut ,das die (Gloreichen sieben) sich gedanken gemacht haben die Brauerei bis Ende des Jahres eventuell zu understützen. Ich sage “DANKE” für so viel Lokalpatriatismus. Da es nun nich geklappt hat gebe ich die Schuld dem Insolvensverwalter, der niemals an einer Weiterführung des Unternehmens gedacht hat. Wenn es denn so gekommen wäre, hätte er wahrscheinlich nich so richtig viel verdienen können. Ich Danke allen Menschen in Schwelm und aus der Umgebung, die wieterhin Schwelmer Bier getrunken haben und an uns geglaubt haben. VIELEN DANK von der gesamten Belegschaft der Brauerei Schwelm.

Lothar Lemke
29. Juli 2011

Warum funktionieren in Ostfriesland kleine Privatbrauereien, und warum können sie im Ruhrgebiet nicht überleben?

Detlef W.
1. August 2011

@Lothar Lemke: Weil es dort keinen Herrn L aus S gubt der allein für die Markenrechte IMMER noch 500.000 Euro haben will!!! Böse Zungen könnten von Profitgier reden! ;-)

noch ein Mitarbeiter
1. August 2011

@Helga: Böse Zungen behaupten, dass eine kleine Schar von Revoluzern die Hand gebissen hat, die sie fütterte. Herr Dr. L. (so viel Zeit muß sein…) aus S. hat wohl kein Interesse, erneut gebissen zu werden.

@all: Da die Brauerei Schwelm seit Beginn der Insolvenz in fast zwei Jahren (!) keine roten Zahlen geschrieben hat liegt die Vermutung nahe, dass das Ende der Brauerei nicht auf die Effizienz zurückzuführen ist. Die Wertsteigerung der verwertbaren Insolvenzmasse durch die Investition in eine neue Brunnenwasseraufbereitung und die taktisch unkluge Ankündigung der Schliessung, die im Handel Panik auslöste, haben die wirtschaftliche Lage forciert.

Ich kann mich meinem Kollegen nur anschliessen und allen danken, die uns unterstützt haben und es hoffentlich auch weiterhin tun. Wir, die Mitarbeiter der Brauerei Schwelm, werden jedenfalls nicht so schnell aufgeben und für unsere Brauerei kämpfen. Wie oben angedeutet sind wir schon kampferprobt ;-)

[...] Brauerei-Aus: Eine Niederlage für Schwelm – Kommentar vom Schwelmer Kaffeeröster [...]

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